#foodvie Angeregt durch einen Vortrag von Melanie Joy mit ihrer Motivforschung zu „Karnismus und einer veganen Zukunft“, sowie durch aktuelle Zahlen zum Soja-Anbau für meinen Gastvortrag an der FH Joanneum Graz, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf:  Welche Konsequenzen hätte der komplette Tierprodukte-Verzicht auf das Ökosystem im alpinen Raum? Eine alpine Landschaft ohne Kühe, die unsere Almen und Bergweiden begrasen und erhalten. Ohne Schafe, Ziegen und Wildtiere wie Rehe, Hirschen, Hasen und viele mehr, die für den Menschen nicht verwertbares Gras fressen. Den Gedanken konsequent zu Ende gedacht, habe ich wissenschaftlich fundiert noch nicht gefunden – aber eine Ahnung sagt mir, unser Ökosystem würde aus den Fugen geraten.

Mindestens genauso extrem wie es bereits aus den Fugen geraten ist, weil wir ehemals grasfressende Tiere in Massen produzieren und mit Getreide und Soja füttern. Ja, wir PRODUZIEREN Fleisch! Möglichst schnell wachsend, auf engem Raum und mit extra dafür angebautem Kraftfutter – Getreide und Soja – um ihr Wachstum und/oder ihre Milchleistung künstlich zu steigern. Keine Frage, diese Form der Massentierhaltung – egal ob für Rind, Huhn oder Schwein – macht unser globales Ökosystem durch den enormen Futtermittelanbau in Monokulturen kaputt. Und mit dazu die Menschen, die in diesen Futtermittelregionen leben – entweder durch das Gift der Spitzmittel oder durch Landenteignung und Arbeitsplatzvernichtung oder durch miserables Fleisch/Milch/Eier von gequälten Tieren.

Soja-Republik Argentinien

Befasst man sich mit Sojaanbau in Argentinien kann einem ganz schnell das Fleischessen vergehen. 80% der weltweiten Soja-Ernte landet in den Futtertrögen der Viehwirtschaft – aus Argentinien fast 100%.

Ein paar Soja-Kennzahlen zu Argentinien:

  • 22 Mio Hektar Land für Soja
  • 26 Mio Liter Pestizid (Glyphosat) für die Sorte „Round up Ready“ – die einzige Soja-Züchtung die seit 1995 in Argentinien angepflanzt wird.
  • 2/3 aller Grundflächen werden an namenlose Soja-Pools vermietet. Maschinen erledigen die Arbeit. Bauern, Viehwirtschaft, Obst- und Gemüsebau wurden verdrängt.
  • Argentiniens Rinderherden die einst das Grasland beweideten stehen heute in Ställen und fressen Soja. Die Landfläche wird teuer vermietet für den Sojaanbau.
  • Mehr als 25% der Exporterlöse kommen aus dem Soja-Anbau. In Summe 23,2 Milliarden Dollar.
  • 35% Exportzoll auf Soja bringen dem Staat 10% aller Steuereinnahmen.
  • Von 40 Millionen Einwohnern werden 18 Millionen staatlich unterstützt, weil es keine Arbeit mehr gibt.
  • Die Krebsrate ist in den Soja-Zentren 3x höher als anderswo in Argentinien und die Fälle sind ungleich schwerer.

Der alpine Raum

Fakten, die uns ganz schnell das Gefühl geben, die ganze Welt sollte vegan werden. Aber was soll dann werden aus unseren Berggebieten? Verwaldung und Verwilderung? Diese Frage nach dem Erhalt der alpinen Flora und Fauna beantworten die Veganer nicht. Ist es nicht viel eher so, dass wir Menschen aus dem alpinen Raum wieder zu einem respektvollen Umgang mit den Tieren zurückkehren sollten und unsere Tiere sich von dem ernähren sollten was die Vegetation der Region hergibt. Gras im Sommer, Heu im Winter und hin und wieder eine Handvoll Getreide als Beikost.

 Die Kuh ist kein Klimakiller per se

Es geht um die Balance. Eine Balance, die wir verloren haben. Würden wir uns auf die Traditionen der jeweiligen Lebensräume besinnen und nur noch so wenige Tiere essen, so wenig Milch und Eier nutzen, wie von den natürlichen Futtermitteln einer Region hergegeben wird, könnte die Welt wieder in Balance kommen. Und wir und unsere Gesundheit.

Und ziemlich sicher ist Nachhaltigkeit etwas, was in die Region – die Klima- und Vegetationszone – passen muss. Vielleicht sollten die Kämpfer für Nachhaltigkeit nicht den gleichen „Global-Fehler“ machen, wie die Massenproduzenten und für alles ein einziges Heilmittel suchen.

40 % der weltweiten Landfläche können nicht beackert werden. Diese Feuchtwiesen, Almen, Steppen und Savannen zählen zu den größten Proteinquellen auf der Erde. Und nachhaltige Beweidung mit Rindern und ihren wiederkäuenden Verwandten speichert durch Wurzelwachstum und Humusbildung Kohlenstoff im Boden.”

Dr. Anita Idel, die deutsche Tierärztin, Wissenschaftsjournalistin und Lehrbeauftragte an den Universitäten Kassel und Lüneburg